Der bekannte russische Historiker Roj Miedwiediew berichtete in der Zeitschrift „Literaturneje Gazieta", dass dem Stalinismus ca. 40 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Niemand hat genaue Zahlen oder etwa eine Statistik über die Leute, die durch Hunger, Flucht oder Mord gestorben sind. Man spricht heute im Jahre 1991 noch nicht gerne darüber, alles wird unter der Decke der Verschwiegenheit gehalten.
In den nördlichen Wäldern von Sibirien in der Nähe der Gefängnisse und
Arbeitslagern wuchsen im Laufe der Zeit die Erdhügel. Sie traten ins menschliche
Gedächnis ein, in dem sie sich in die Landschaft vertieften, das heißt, es
wurden immer mehr Gräber. Auch heutzutage finden die Bauarbeiter, die neue
Straßen anlegen, die menschlichen Knochen in Mengen. Manchmal finden sie Knöpfe
oder aber Medaillons mit dem Gesicht der Mutter Gottes.
Wer waren diese gestorbenen ermordeten Menschen, wo kamen sie her? Man kann auf
vier Arten der polnischen Bürger hinweisen, die diese Repressalien aus eigener
Erfahrung erlebt haben.
Vor mir liegt jetzt das Schulheft von Marian Piwkowski: Sein Vater war Wojciech Piwkowski. Er war Legionist und Teilnehmer am^Wunder von Wislaf Marian hat seine tragischen Jahre beschrieben, aufgeschrieben. Er wurde in-Luck am 21.04.1926 geboren. Im Jahre 1939 war er Schüler in der ersten Klasse des Gymnasium in Zdolbunow Wolyn und Teilnehmer des Z.H.P. Heute ist er 65 Jahre alt und wohnt in Zielonej Gorze (Hirschberg) und ist ein Pensionär. Ich mache das Schulheft auf und lese:
Die Stadt (Zdolbunowo) ist besetzt von der sowjetischen Armee. Es herrscht
Gesetzlosigkeit. Die ukrainischen Banden attackieren die polnischen Siedler. Ein
Teil der Polen haben sich in den Kirchen versteckt. Mein Vater (Wojciech)
arbeitete in dieser Zeit bei der staatlichen Polizei. Wir
wohnen auf der Zielauerstraße 5. Am 20. September 1939 haben die örtlichen
Ukrainer meinen Vater verhaftet. Er kehrte nach einer Woche ohne Schuhe und
Uniform und ohne Arbeit zurück. Er nahm eine Stelle in einer Bäckerei an, damit
wir etwas zu essen hatten.
Ein ukrainischer Polizist, sein Name ist Pozykiewicz ist in der Nacht mit seinen Leuten gekommen und hat meinen Vater wieder verhaftet. Er sagte, dass er in die Stadt Rowne (12 Kilometer von Zdolbunow entfernt) geführt wird. Er soll das Essen und warme Kleidung mitnehmen. Die Mutter hat sehr geweint. Mein Vater hat mich um die Führsorge für meine Mutter gebeten, dann hat er mich an sich gedrückt. Das waren unsere letzten Momente. Ich habe meinen Vater nicht mehr gesehen. Damals war ich 13 Jahre.
Gegen vier Uhr morgens haben die Mitarbeiter NKWD von Pozykiewicz unsere
Wohnungstür eingetreten.
Er gab uns 2 Stunden Zeit, um unsere persönlichen Sachen einzupacken. Die
örtlichen Ukrainer suchten derweil unsere Wohnung nach Waffen durch, aber wir
hatten leider keine, sie haben nichts gefunden. Dann haben sie uns mit dem
Schlitten zum Bahnhof gebracht. Ich habe sehr laut geweint, ich war fast
ohnmächtig. Wir waren 13 Tage im Waggon unterwegs. Die Alten, Jungen, Kinder,
Frauen, Säuglinge, alle waren sehr hungrig und stanken. Von Zeit zu Zeit gab man
uns etwas Wasser und Brot. Nach 4 Tagen Zugfahrt sind 2 Säuglinge ums Leben
gekommen, sie wurden aus dem Zug rausgeworfen. Für meine Mutter, Maria Piwkowska
und mich war das etwas Grauenhaftes, Schreckliches. Angekommen sind wir am
Bahnhof Mamlutka im Nordkasachstan. Wir wurden dann auf einen LKW geladen, und
nach 3 Stunden Fahrt nach Smirnowka auf der Kollchose „Staliniec" rausgeworfen,
abgeladen.
Das erste Jahr hat man die Polen nicht zur Arbeit genommen. Wir wurden als Feinde des russischen Volkes betrachtet. Wir wurden wie Knechte hier gehalten, ohne Kleidung und Schuhe. Meine Mutter hat mir gesagt, dass wir in die Treckerbrigade genommen werden, den gesamten Tag arbeiteten wir nur für die Suppe, unsere Belohnung war Getreide.
Es war damals sehr kalt, es schneite sehr viel in dieser Zeit, der Frost war bis zu 40°. Es gab dort sehr viel hungrige Wölfe. Wir wohnten in einer Erdhütte wie andere Familien auch. Wir aßen „Tapsza", das waren Zwieback im Wasser mit Öl gebacken. Täglich bekamen wir nur 500 g Brot. Ab und zu durften wir die Badeanstalt benutzen. Wäre ich nicht so hungrig gewesen, gefiel mir diese Badeanstalt.
In der Kolchose ist die ukrainische NKWD angekommen. Sie wollten uns die russische Staatsangehörigkeit aufzwingen, aber wir wollten es nicht. Sibirien gefiel uns nicht. Nach ein paar Tagen wurden wir wieder verhaftet und zum Bahnhof abgeholt. Wir wurden in Mamlulka verurteilt, laut des § Paragraphen 16-29a-17 und des zweiten Teils des Strafgesetzbuches sind wir zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Ich war damals 17 Jahre alt und meine Mutter 41. Im Gefängnis von Pietropawlowsk war ich mit Dieben und Banditen zusammen eingefercht. Täglich bekam ich 250 g Brot und 75o g Rübensuppe. Nach einem Monat wurde ich mit dem Waggon nach Karaganda überführt. Ich arbeitete 10 Stunden pro Tag und nachts kämpfte ich mit Läusen und Wanzen. Ich war ständig hungrig, sehr oft weinte ich und sehnte mich nach meinen Eltern.
Ich war sehr hungrig. Neben dem Mülleimer bemerkte ich gekochte Knochen, ich war glücklich. Die Knochen zu essen ist mir nicht gelungen, weil mich ein Wachmann gesehen hat. Sie haben mir die Schuhe weggenommen. Ich mußte schreien, sonst wäre ich erfroren. Zur Arbeit zurückgekehrt hatte ich keine Kraft mehr, und ich mußte ins Krankenhaus. Der Arzt stellte fest, dass ich unter Nachtblindheit und Herzstörungen leide. Eine leichtere Arbeit auf dem Feld bekam ich zugewiesen.
Beginn des polnischen Patriotischen Verbandes. Es entsteht die erste Division
unter dem Namen Tadeusz Kosciuszki. Am 23. April 1945 kam ich zurück aufs Land
Smirnowska. Am Bahnhof Mamlutka habe ich meine Mutter wieder gesehen.
Sie war am Leben. Am ö.July 1945 bekamen wir die Genehmigung nach Polen zu
fahren, o Gott, wie freuten wir uns. Am 20. Mai 1946 sind wir in Posen
angekommen und von dort nach Torzym war es nicht mehr weit. Dort wohnte die
Schwester meiner Mutter. Wir haben erfahren, dass mein Vater Wojciech Piwkowski
durch die NKWD in Katyn 1940 erschossen wurde; nie habe ich daran geglaubt. Erst
in der Opferliste von Katyn, Ostaszkow und Starobiels fand ich seinen Namen auf
der Seite 336. Meine Mutter, Maria Piwkowska, geborene Golowczuk, die Tochter
von Maciej Golowczuk und Anastansia ? Lubuski ist im Jahre 1980 in
Swiebodzin/Woj. gestorben. Sie hat nie wieder geheiratet. Sie wartete auf meinen
Vater. Sie glaubte nicht an seinen Tod.
Diese Informationen hat das Familien-Archiv der Piwkowski im April von Irene
Neumann geb. Piwkowska, Kostrzyn, bekommen.
Es wurde ins Familien-Archiv gebracht von Gerd. P. v. Piwkowski im Jahre 2003.
Langenfeld, den 07.02.2004